Eine Begegnung am letzten Tag unserer Reise hat
mich sehr überrascht. Wir waren in Washington D.C. unterwegs, und nach der
obligatorischen Busrundfahrt mit Besuch des Pentagon sowie des unglaublich
großen Arlington Cemetary (ein Militärfriedhof), auf dem sich das Grab von JF
Kennedy und seiner Gattin Jackie befindet, und auf dem heute noch täglich ca.
25 Menschen (Soldaten) beerdigt werden, fuhren wir zurück in die Stadt und
machten uns auf eigene Faust zum Weissen Haus auf.
Die Strasse an der bekannten Seite, eigentlich
die Rückseite des Hauses (die, die man immer in den Nachrichten sieht), war
abgesperrt. Das kam uns doch ziemlich merkwürdig vor, denn sie sah aus wie eine
recht gewöhnliche Durchfahrtsstrasse, und nicht nur Touristen warteten hier,
sondern auch normale Angestellte auf ihrem nach Hause Weg. So harrten wir
einige Momente aus, neugierig ob der kommenden Ereignisse. Nach einer kurzen
Weile kamen auch schon drei Hubschrauber der Airforce One, unglaublich massive
Dinger, die wie Panzer in der Luft wirkten. Der erste flog über das Haus
hinweg, der zweite landete tatsächlich auf dem Grundstück, während der dritte
in einem spektakulären Manöver nach links abdriftete. Der Hausherr war also
Heim gekommen. Wenige Minuten nach der Landung wurde die Strassensperrung dann
auch aufgehoben und gemeinsam mit den anderen Touris konnte man für die
üblichen Fotos vorm Zaun posieren.
Schliesslich wanderten wir um das riesige
Grundstück herum, auf die andere, eigentliche Vorderseite, die bis auf eine
sehr markante Begegnung völlig unspannend blieb.
Vor dieser Seite des Hauses führt eine breite
Strasse entlang, die für den Autoverkehr gesperrt ist. Dahinter leigt ein
kleiner feiner Park. Vor diesem Park sehe ich so etwas wie eine autarke Zelle,
kann aber nicht genau deuten, was es ist und gehe näher. Und stelle fest: Vis-a-vis
mit dem Eingang des Weissen Hauses wohnt eine Frau auf der Strasse. Unter einer
einfachen Platsikplane harrt sie dort seit 1981 aus, um so ihren Unmut geegen
die amerikanische Regierung im allgemeinen und im spezifischen gegen die
Kriegs- und Atompolitik zu demonstrieren. An diesem Tag regnete es, und ihre
Behausung war klein und erbärmlich. Neben ihr findet man zwei Plakatwände mit
Antikriegsparolen und Zeitungsausschnitten vergangener Jahre. Diese Frau darf
sich laut der "Bremer Nachrichten" von 1994 (diesen
Zeitungsausschnitt gab sie mir, als wir kurz ins Gespräch kamen) nicht mehr als
einen Meter von ihrem "Besitz" entfernen, da er sonst sofort
konfisziert werden und in Staatseigentum umgewandelt würde. Sie sah nicht
erholt aus, wirkte aber nach wie vor sehr entschlossen. Geldspenden will sie
nicht, höchstens um weitere Info-Materialien zu kopieren, Essenspenden nimmt
sie gerne an. So konnte auch ich ihr nicht viel bieten, fand aber einen St. Pauli
Aufkleber in meiner Tasche den sie annahm und erklärte, das wir prinzipiell für
dieselben Ideale einstehen.
Da lebt sie nun seit 27 Jahren (!) Tag wie
Nacht auf diesem winzigen Fleckchen Erde und sieht die Mächtigen der Welt ein-
und ausfliegen, um mit allem was sie hat, nämlich ihrer Existenz, ihrem Protest
nachhaltigen Ausdruck zu verleihen.
Von soviel Passion sollten wir uns alle eine Scheibe
abschneiden.
Meinen tiefsten Respekt, Frau Picciotto.
