Manchmal habe ich große Gedanken. Ganz
große. Ganz sicher. Meistens habe ich diese Ideen an ungewöhnlichen Orten, was
so ungewöhnlich ja gar nicht ist. Kennt man ja. Unter der Dusche oder beim
Autofahren. Und vor dem Einschlafen ist
der Klassiker schlechthin. Ich kenne keinen Menschen, der nicht zugeben würde,
dass er oder sie vor dem Einschlafen manchmal großartige Ideen hat. Und alle
sind zu faul noch mal aufzustehen und die Gedanken aufzuschreiben. „Das merke
ich mir ganz fest bis morgen früh“ ist auch eine von mir gerne benutzte
Entschuldigung die bereits verfestigte horizontale Position nicht mehr zu
verändern. Und ehrlich, Stift und Zettel
neben dem Bett hat noch nie funktioniert.Â
Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, vielleicht habe ich aber
auch nur vergessen, das zu notieren? Gerne gibt es auch Eingebungen im Traum,
Lösungen für reale Probleme in der irrealen Welt. Welches war noch mal die richtige? Aber das ist ein ganz anderes Thema. Also, diese guten Ideen. Sie begegnen einem, und mir an ungewöhnlichen
Orten. Ungewöhnlichen Orten? Ja, genau. Um ganz genau zu sein: ungewöhnlich für
Utensilien wie Stifte oder auch Papier (Auf dem Fahrrad und Papier? Festival
und n Bleistift? Vergiss es), die man ja gerne mal braucht, um die Gedanken
einzufangen, damit sie nicht mir-nichts-dir-nichts wieder verschwinden so wie
Geld oder Exfreunde oder so unwichtiges Zeug.Â
Hier geht es um echten Sinn, um tiefes Weltverständnis, um
Synapsenverknüpfungen auf allerhöchster Ebene, erkenntnistheoretische Vorgänge
die im besten Fall die Welt retten können, im schlimmsten nur etwas Tinte oder Papier
verbrauchen.
Heute hatte ich wieder so eine
Idee. Ich weiß es ganz genau. Es passierte auf der Arbeit.  Ein Stift ist zur Hand, die halbe Miete ist
schon mal sicher: der Gedanke kann in seinen Grundzügen festgehalten
werden. Am besten verkürzt und
verschlüsselt so dass nur ich das verstehe und niemand den genialen Schachzug
entwenden kann. Ich fange also an zu
kritzeln. Kein Papier? Kein Problem. Irgendwas findet sich schon. Zur Not werden auch gerne mal die Handinnenflächen
benutzt. Ein uraltes Relikt aus der
Schulzeit. Spicken hieß das damals. Ich
schreibe die – auf den ersten Blick -  3
wichtigsten Stichwörter auf. Geschafft. Puh.Â
Gedanke, diesmal bist Du mir nicht entkommen! Herzlichen Glückwunsch. Nachdem meine Hirnwirrungen also auf
alt-mediale Weise ausgelagert wurden kann der Tag weiter seinen normalen Weg
gehen, ich brauche nicht mehr krampfhaft daran zu denken, den Gedanken nicht
mehr zu verlieren, dies bloß nicht
vergessen das zu vergessen ist dahin.Â
Meine Nervenbahnen können sich entspannen. Alles läuft nullachtfünfzehn weiter.Â
Zu Hause. Der Film ist aus. Ich habe noch nichts geschrieben und will ins
Bett. Kurz vor der Körperhygiene fällt
mir das Gekritzel in meiner linken Hand wieder auf. Ich bin entgeistert. Schockiert.Â
Verwirrt. Was um Himmels Willen
habe ich da geschrieben?? Es sind solch
extreme Hieroglyphen, dass es mir selbst unter größter Anstrengung und
unzähligen Interpretationsversuchen nicht möglich ist,  meine Schrift zu entziffern. Schlicht unmöglich. Und so was mir, als Perfektionistin, als
quasi ausgebildete Kraft in Schönschreiben. Kann ihre eigene Schrift nicht mehr
lesen. Von den 3 Wörtern sind die beiden
unwichtigeren tatsächlich noch zu lesen, da steht: Geschichte über ...XXX. Genau die
beiden hätte ich doch weglassen können und die ganze Energie und Kalligraphiekenntnisse
in das letzte, anscheinend entscheidende Wort packen können. Aber nö, dem ist nicht so. Der Rest sieht aus
wie Borhet oder so. Ich schwöre, es wäre eine tolle Geschichte
geworden.
Und an Dich, Gedanke: wenn ich Dir
noch einmal begegnen sollte, kommst Du mir nicht einfach so mit ein bisschen
Seife und Warmwasser davon, versprochen!